Gedichte und Haikus

Chinesisches Segelboot
Chinesisches Segelboot

Was Gedichte betrifft, so sind fast alle Texte im Rahmen von LIT (Literatur in Tempelhof) vorgetragen, besprochen und manchmal öffentlich gelesen worden. Die Haikus sind zu einem großen Teil streng nach dem 5 - 7 - 5 Silbenschema verfasst worden. Einige ältere (Zazen - Splitter) folgen jedoch dieser Vorgabe nicht.

LIT - Literatur in Tempelhof
LIT - Literatur in Tempelhof

Zazen - Splitter

 

Zen - Garten

 

Nasser Schnee beugt Bambushalme.

Die Stimme des Granitbrunnens ist erstarrt,

da sucht die kleine  Meise den Schutz der  Efeuwand.

 

 

Oktoberende

 

Im Lotussitz

meditiere ich.

Wildgänse schreien nach Süden.

 

 

Atemübung

 

Räucherkerzenqualm kräuselt in meine Nase.

Der süße, fremde Duft

reißt Gestern und Morgen mit davon.

 

 

 Leere des Nichts

 

Versunken in den Tiefen  des Selbst.

Wirf Dein Ich hinter Dich,

wartend auf die Leere des Nichts!

 

 

Kleine Wächter

 

Löwen?  Hunde?  Löwenhunde?

Grimmig sichern sie den Schrein.

Gut, dass Siddhartha Gautama keines Schutzes bedarf!

 

Weg zur Arbeit

 

Die Stimme der Klangschale verstummt,

die Räucherkerze verglommen;

Regen peitscht mein Gesicht.

 

Versunken

 

Oh Du Juwel im Lotussitz,

wie unvollkommen

ersitze ich Deinen Weg!

Görlitzer Bahnhof, Lithographie
Görlitzer Bahnhof, Lithographie

Eisenbahnhalle (Kreuzberg 1990)

 

 

 

Über der dunkelrot restaurierten Hallenfassade
der gleichfarbige Stadtbär.
Hinter der vollautomatischen Glastür
ein westernbehüteter Gitarrenspieler -
erbittet Kleingeld wie das Pärchen
am anderen Eingang:
Röhrenhosen, Armeestiefel, Ohrringe -
das nichtgeschorene Resthaar fahlrosa.
Etwa von den großäugigen Ostlern,
Alditüte links, Stoffbeutel rechts und
immer auf dem Sprung nach letzten Westschnäppchen?
Der alte Türke sprengt den Hallenboden
auch im Ramadan mit der Gießkanne
zum Breitbesenfegen wie vor dem Gebet
und wird gleich die von unzähligen
Riesenkötern bepissten Eingangsecken wässern.

 

Am Imbissstand kauen zum Bier
derweil Gerüstbauer und Klempner
an Bratkartoffeln mit Leberkäs
neben der grausträhnigen Alten,
die unbeherzt nach einem Gesprächspartner fahndet.

 

Es ist Freitagmittag in der Kreuzberger Eisenbahnhalle
und das Fischhändlerehepaar freut sich ebenso
wie die vom Rathaus rückströmenden Herren mit der Stütze:

 

Am Lebensmittelstand begleichen sie das Angeschriebene
und krönen den Tag mit einer Flasche Einfachkorn!

 

In den Marzahner Gärten der Welt

Chinesischer Garten

Bambus und Steine,
zackige Brücken lassen
die Geister stolpern.

Japanischer Garten

Ein Trockengarten,
geharkte Linienführung –
was ist im Regen?
  

Balinesischer Garten

Orchideenknall
in feuchtwarmen Lüften.
Brillenputztrockner.
  

Koreanischer Garten

Dachziegelenden
aus schwarzem Lehm, wo sind
Kimchitonkrüge?

 Orientgarten

Maurische Fliesen.
Soviel prachtvolle Schönheit -
ohne ein Kopftuch!

Irrgarten

Irrgartenversuch:
Hohe Büsche lachen die
Verzweiflung kaputt!

Reise-Haikus

Chinareise (2012)

Chinesischer Fischer
Chinesischer Fischer

Am Li-Fluss
Schnell gleiten Boote
durch Schluchten und Stromschnellen.
Schiffsbodensteinschlag.

 

Mondfest in Wuhan
Mondkuchen gespeist,
dann zehn Mio. in der City,
in der Hand Smartphones.

 

Lichterstadt Shanghai
Grelle Boote vor
grellbunten Türmen am Fluss.
Der Bund bleibt klassisch!

 

Xi’ans Terrakottaarmee
Soldaten, Pferde
in langen Reihen erdig.
Blieben sie einzig!

 

An der Großen Mauer
Wer Mauern baut hat
Angst vor Nachbarn und Wandel.
Vor allem China!

 

Tian‘ anmen-Platz des Himmlischen Friedens
Verstummt sind sie jetzt:
Kreischende Panzerketten.
Erinnere Dich!

 

In der Verbotenen Stadt Beijings
Soldat überwacht
Hallen der Harmonie.
Wie kann das gehen?

Chinesische Landschaft
Chinesische Landschaft

Istanbul Haikus (2013)

Rüstem Pascha Moschee, Istanbul
Rüstem Pascha Moschee, Istanbul


Istanbul alkoholsüzdür

Moscheen in Schuss,

Bierkneipen werden rarer:

Atatürk brummt schon!

 

Bagdad Pavillion

Topkapi Serail,

Ampeln, Fliesen und Perlmutt.

Volk nur weit entfernt!

 

Rüstem Pascha Moschee

Kuppeln, Emporen,

Fliesen lobpreisen Allah.

Rüstem ein Schurke!

 

Auf der Galatabrücke

Am Goldenen Horn

ködern Angler die Fische.

Unten Fischbrötchen.

 

Großer Basar

Bemalte Gewölbe,

tausend Stände für Touris:

Kein Preis zu lesen!

 

Zisterne „Versunkener Palast“

Medusenhäupter

erschrecken im Säulenwald.

Karpfen sind angstfrei!


 

Medusenhaupt in der Zisterne "Versunkener Palast", Istanbul
Medusenhaupt in der Zisterne "Versunkener Palast", Istanbul
Braut in St. Petersburg
Braut in St. Petersburg

Ostsee-Haikus (2015)

Lübeck

Roter Ziegelstein

bei Manns- und Grass-Museum.

Marzipan hilft.

 

Stockholmer Schärengarten

Sommerhaus rot-weiß

auf blanken Granitfelsen:

Badender bibbert.

 

Tallin

Altes Rundpflaster

unter tausenden Touris:

Schiffshörner rufen!

 

St. Petersburg

Aurora im Dock.

Braut vor der Newa verlacht

die Rubelschwäche.

 

Helsinki

Vor dem weißen Dom

des Berliner Engel: Zar

Alexander II.

Dom in Helsinki des Berliner Baumeisters Engel
Dom in Helsinki des Berliner Baumeisters Engel

Kreta - Haikus (2016)

Kreta

 

Du Insel des Zeus,
Deine Freiheit kam sehr spät!
Dein Öl: Das Beste!

 

 

Heraklion

 

Auf der Stadtmauer,
Kazantzakis Grab ermahnt:
„Freiheit oder Tod!“

 

 

Knossos

 

Labyrinthpalast:
Ich suche Ariadne
und Minotaurus.

 

Minoischer Stier aus Knossos im Archäologischen Museum von Heraklion
Minoischer Stier aus Knossos im Archäologischen Museum von Heraklion

Ex-Jugoslawien - Haikus  (2016)

Diokletianpalast

 

In Split befahl der
Kaiser alle Eier her -
für seinen Mörtel.

 

 

Mostar

 

Moschee und Kirche
kaputt wie die Brückenpracht
1993 – jetzt wieder heil!

 

 

Ragusa

 

Touristen putzen
die Hauptstraße täglich blank.
Stadtmauern schweigen.

 

 

Kotor

 

Am Ende der Bucht
wartend mit hohen Mauern -
auf das Erdbeben.

 

Die 1993 zerstörte und wieder aufgebaute Brücke von Mostar
Die 1993 zerstörte und wieder aufgebaute Brücke von Mostar

Südafrika-Haikus (2017)

Nelson in Pretoria

 

Neun Meter Denkmal,
die Arme ausgebreitet,
doch nicht für Winnie!

 

Südafrika

 

Auf zum Tafelberg!
Der Kapstadtblick vernebelt,
Klippschliefer so nah!

 

Kruger National Park I

 

Leopard im Baum,
Impalafrühstück über ihm.
Wie kam es da hin?

 

Kruger National Park II

 

Kleiner Elefant
rüsselt neugierig am Jeep.
Leitkuh außer sich!

 

Kruger National Park III

 

Krokodil im Fluss,
döst lächelnd und träumt vielleicht
von den Impalas!

 

Cape of good Hope

 

Unter dem Felsen
warmer Strom trifft kalten.
Leuchtturm im Nebel!

 

Chinatouristik

 

Die Chinesen, statt
Nashörner amputieren
lieber sich „selfien“!

 

Brücke in der Tarokoschlucht, mehrfach erneuert und schließlich höher gelegt, Taiwan
Brücke in der Tarokoschlucht, mehrfach erneuert und schließlich höher gelegt, Taiwan

Ein Gleichnis

Limburg und Bischof,

oh, der Duft seines Käses

stinkt stark zum Himmel!

Federung

Im Nest die Amsel:

Müsame Fütterungen.

Der Kater federt!

Tarokoschlucht, Taiwan

Rote Brücke in

der Marmorschlucht, ein Taifun

verschiebt sie ums Eck!


Erfolg

 

Am Ende

eines gelungenen Gedichtes:
Missbilligend verbreitet sich Ratlosigkeit!

 

 

Kurzschluss

 

Kurz‑Geschichten‑Schluss:

Beim letzten Lachen

dem Leser

den Widerhaken

in den Mund

gleiten lassen.

 

 

Ach Gott, wie kitschig!

 

Nachtigallengesang? Ach Gott, wie kitschig!
Aber sie singt, direkt vor meiner Tür!
Im Mai, in lauen Nächten,
variationsreich, melodisch, anrührend.
Alles wehrt sich in mir,
gegen diesen Angriff des Romantischen -
dem ich glatt erliege: Wie wundervoll!
Eigentlich hat sie die Stadt schon vertrieben,
es sind nur noch Spatzen, Meisen und Amseln,
als Zivilisationsresistente übrig,
aber Nachtigallen? Ausgeschlossen!

Das wird es sein, das Glück.
Halte inne, lausche!
Schäme dich deiner Tränen nicht,
mehr wird dir das Leben
nicht und niemals bieten können!

Eldena
Eldena

Kloster Chorin

 

Im Rückspiegel zerfließt die graue Stadt zwischen gepfeilten Achsen der bejahrten Chausseelinden. Hinter der sonnenbefleckten Lichtung alte Feldsteinmauern und mitten Buchen und Eichen das Rot der Ziegelarkaden und Giebel: Chorin ‑ romantischer Gotikruinentraum!

 

Durch die filigranen Spitzbogenöffnungen dringt der fromme, mehrstimmige Gesang der Laien und Diakonissen von den Chorbänken. Den Klang der Lobpreisungen schluckt das gezimmerte Behelfsdach dort, wo einst das tonnenschwere Kreuzgewölbe mit scheinbarer Leichtigkeit himmelwärtige Unendlichkeit halluzinierte.

 

Geh dann hinunter zum Amtssee, durchwandere die waldbedeckten Hügel, quere auf der kleinen Brücke den schon getrübten Bach und plötzlich erblickst Du sie wieder, die kunstvoll gemauerte Westfassade, hohe Fensterbögen, schmale Gurte, leichte Türmchen.

 

Für einige Augenblicke erscheint sie Dir erreichbar, die Einheit von Natur, dem Menschen und seinen Werken, Ziel der Romantik -  dann fährst Du im Auto davon!

Konsequent

 

Die Lehrer der Schule

zeigten sich zunehmend besorgt über die eskalierende Gewalt

in Kreisen ihrer Schuljugend.

 

Da beschlossen sie

die Durchführung eines

mit Spezialisten besetzten Gewaltseminars im Kollegium.

 

Für einen Dienstag

schlossen sie ihr Schulhaus ‑

und schickten konsequenterweise

die Jugendlichen auf die Straße.

 

Das Mauergedicht


Mauersegler


„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!“
Mauerplaner
Mauerstein, Mauerbau, Mauerkrone
Mauerbauer, Mauerwächter, Mauerstreifen
Mauerschütze, Maueropfer, Mauertoter, Mauermord
Brandt! Adenauer?
Maurermeister – Mauerregime
Maueranschlag, Mauerdurchbruch
„Geht doch über die Mauer in den Osten!“
Maueridylle, Mauerbiotop, Mauermentalität
Mauerstaat, Mauerstadt
Stadtmauer
Maueröffnung, Mauerbesetzung
Mauerabriss, Mauersegment, Mauerspecht, Mauerstück
Mauerrest, Mauerdenkmal, Mauermuseum
Mauerschützenprozess
„Die Mauer in den Köpfen muss weg!“


Mauersegler

 

Tschernobyl
Tschernobyl

Traum vom Fliegen

 

Die Möwe im Wind,

der Passatsegel füllt

und Himmelssprünge trägt –

als er aus Kiew kam,

zerschmolz ihr Gefieder.

 

Was kann ich halten, wenden?

Was bleibt zu tun,

für einen wie mich,

der kaum sich selbst erklärt?

 

Das Leben, die Liebe lieben –

Traum des verrußten Selbst –

Traum vom Fliegen,

den Strahlen zu Boden pressen.

 

Die Möwe im Teer,

der Strände schwärzt

und Lächeln verklebt –

als das Meer sie ausspülte,

starb mit ihr mein Aufwind!

 

29. April 1986 (Tschernobyl)

 

 

Sommer in Berlin

Tiergartenhimmel

 

Anatolische Griller

drehen Rauchsäulen zum Tiergartenhimmel

- Politiker schelten.

 

 

StäV

 

Kölsch strömt spreenah

durch die „Ständige Vertretung“

- Berliner Sommerkarneval.

 

 

Galeries Lafayette

 

Staubwolken umwirbeln

das „Galeries Lafayette“-Eck

- man verkauft „Scheibenklar“.

Rubensfigur
Rubensfigur

Im Rubenshaus

 

Vor dem Haus des  barocken  Malerfürsten

in der gotisch übertürmten Scheldestadt

Antwerpen,

die neidabweisend, großbürgerliche Schlichtheit,

inneren Prunk verdeckend, doch erahnend.

 

Das Atelier dagegen doppelstöckig fürstlich,

mit marmornen Reliefs und antiken Büsten,

wie das Innentor,

das dreiteilig, mit bronzenen Statuen gekrönt,

den Weg zum gepflegten Garten und Pavillion weist.

 

Peter Paul Rubens, der Lieblingsmaler aller Fürsten

und vielsprachige Diplomat in kriegerischer Zeit,

das Kompositionsgenie,

mit kalkulierten Effekten und sinnenfrohen Szenen:

Er verkaufte selbst den Pfaffen nackte, pralle Weiber

für üppige Altäre.

 

Transatlantiktörn
Transatlantiktörn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Transatlantiktörn

Bei der Morgenwache um vier Uhr
am fünfzehnten Tag auf See:
Der andere steht am Ruder
in schwerem Wetter unter Fock und Besan-
ich denke ans Schreiben.

 

Unser Leben hängt an so vielem,
 jetzt vor allem am Lifebelt:
Brustgeschirr mit Nylonseilen
und Karabinerhaken.

 

Delphine, Wale- in meinem Tagebuch.
Dazu ein springender Schwertfisch
und fliegende Fische, die auf der Flucht
in die Luft gingen und jetzt,
an ihr auf Deck ersticken.

 

Flauten stehen darin, flappende Segel
auf öliger Dünung und Wüstensonne.
Aber auch die Sturmnacht
in phosphorheller Gischt.
Wieder versuche ich für sechzig Minuten
die 290 am leuchtenden Kompass einzufangen:

Westen

Hörst Du, Freund, den Sound
der karibischen Steelband?
Kolumbus fuhr von den Kanaren
in einundzwanzig Tagen nach Martinique.
-Uns lässt man etwas mehr Zeit.